
Der Wecker im Ruhrstadion klingelte heute nicht – er explodierte. Und schon lange hat man dieses Bild nicht mehr gesehen: Menschen vor dem Stadion, handgemalte Pappe in der Hand, darauf krakelig: „Suche Tickets“. Das war heute kein normales Spiel. Das war ein Tag an dem man spürt: Hier geht’s nicht nur um nackte drei Punkte.
Und trotzdem – ausgerechnet heute– sagt der VfL nach dem Abpfiff nicht „Herrlich, reicht“. Sondern: „Mehr.“
Mehr Mut. Mehr Konstanz. Mehr Schritte nach vorne.
Denn dieser Derby-Sieg war nicht einfach nur „gewonnen“. Der war mit den Tugenden der Bochumern hochverdient.
42 Sekunden waren gespielt, da lag der Ball schon im Schalker Netz. Kein Abtasten, kein „erstmal sortieren“ – sondern Bochum im Vollgas-Modus: Gerrit Holtmann (nach 2 Monaten Verletzungspause) mit dem ersten Stich, Koji Miyoshi mit dem eiskalten Abschluss. 1:0 – bevor man „Revierderby“ überhaupt zu Ende sagen konnte.
Und wer dachte, das sei nur ein Blitz, der wieder verpufft, hat den VfL heute nicht verstanden. Das war Ansage-Fußball: vorne frech (Marshall) , hinten fast immer wach, Schalke hatte zwar den Ball – aber Bochum den Plan. Und diese Derby-Spezialität, die keiner im Fernsehen so richtig messen kann: Lautstärke, Gier, Leidenschaft.
Holtmann serviert, Bochum sticht
Das heutige Spiel hatte einen heimlichen Regisseur: Holtmann. Comeback – und dann serviert er zweimal wie ein Kellner, der die Karte auswendig kennt. Beim 1:0 die Vorlage, beim 2:0 nochmal – kurz vor der Pause, als Philipp Hofmann den Konter einschiebt. Zwei Nadelstiche, zwei Treffer. Schalke wankt – Bochum grinst. Nicht arrogant. Sondern so, wie man grinst, wenn man weiß: Heute kriegt ihr hier fast gar nicht.
Im zweiten Durchgang wurde es noch einmal richtig giftig – weil Schalke plötzlich zweimal jubelte, Bochum aber zweimal den Spielverderber gab: den Pfiff. Erst fällt in der 55. Minute das vermeintliche 1:2 durch Nikola Katić nach einer Ecke – doch Schiedsrichter Michael Bacher erkennt den Treffer wegen Offensivfouls am Bochumer Keeper Timo Horn nicht an. Schalke tobt, Bochum atmet – und das Stadion merkt: Heute wackelt hier kurz was, aber es fällt nicht. Und dann kommt der zweite Schlag ins Knappen-Gesicht: In der 76. Minute trifft Kenan Karaman, doch der VAR dreht auch diesen Treffer zurück – weil zuvor Edin Džeko Hand am Ball hatte. Zwei Mal Hoffnung, zwei Mal zurück auf null – und Bochum bleibt genau dadurch im Modus: Tür zu, Derby-Sieg sichern.
Dieses Spiel wurde nicht „verwaltet“. Es wurde nach Hause gebracht. Endlich einmal. Schalke durfte zwar den Ball streicheln, Bochum nahm die Luft aus jeder Szene. Und jedes Mal, wenn’s brenzlig werden wollte, war da ein Bein, ein Körper, ein klares „Hier nicht!“.
Und jetzt kommt das „MEHR“ – der Satz, der die Überschrift erklärt
Denn genau nach solchen Spieltagen passiert oft das Gefährlichste: Zufriedenheit.
Aber Bochum hat heute etwas anderes gezeigt.
Als Philipp Philipp Hofmann nach seinem Treffer vor die Mikros trat, klang da kein „Job erledigt“-Ton, sondern eher: „Jetzt erst recht“.
„Für mich persönlich ist es natürlich schön, wieder ein Tor gemacht zu haben – besonders, weil ich weiß, was das den Leuten und den Fans hier bedeutet. Trotzdem: Wir wollen dranbleiben. Wir haben uns vorgenommen, auch mal ein richtiges Top-Team zu schlagen und diesen Schritt zu machen.“
Und auch Uwe Rösler merkt an:
„Wir verbessern uns Schritt für Schritt. Das war der erste Sieg seit 17 Jahren zu Hause gegen Schalke. Und das ist wichtig für die nächsten Spiele, unsere Moral und unser Selbstvertrauen.“
Da ist es. Das „Mehr“. Nicht als Spruch. Sondern als Auftrag.
Nächstes Spiel: Auswärts bei Preußen Münster
Und jetzt kommt der Teil, der aus einem Derby-Märchen eine echte Serie machen kann: Auswärts bei Preußen Münster.
Kein Heimvorteil, kein Derby-Extra, keine Gänsehaut-Garantie. Nur ein Auswärtsspiel, das genau die Frage stellt, die diese Überschrift verspricht…
Fotos: Sebastian Sendlak