Interview mit Uwe Tigges – Team „WIR für den VfL“

„Wir stehen für Evolution statt Revolution“

In fünf Tagen (14. Juni, 12:00 Uhr) entscheidet sich die Zukunft des VfL Bochum: Bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung wählen die Mitglieder ein neues Präsidium – und stellen damit die Weichen für die kommenden Jahre.

Im heutigen Interview spricht Uwe Tigges, amtierender Präsident und Kandidat mit seinem Team „WIR für den VfL“, über Teamarbeit, Führungsverständnis, sportliche Kurskorrekturen – und darüber, wie der Verein Vertrauen zurückgewinnen kann.

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„WIR für den VfL“ – was bedeutet das konkret?

Herr Tigges, Sie betonen den Teamgedanken für den ganzen Verein, nicht nur den Profikader. Wie wollen Sie sicherstellen, dass dieser Anspruch auch in der alltäglichen Vereinsarbeit gelebt wird – etwa in der Kommunikation mit Fans, Ehrenamtlichen und Mitarbeitern?

Jeder im Verein lebt das WIR, den Teamgedanken: egal, auf welcher Ebene und in welchem Bereich. Genau das macht den Unterschied aus. Dabei geht es in erster Linie um wertschätzende Führung, gegenseitige Unterstützung und Transparenz. Wir als Präsidium werden dies vorleben und setzen auf eine Strahlkraft nach innen und außen.

Kompetenz, Leidenschaft, Verantwortung

Was sind Ihre ersten drei operativen Prioritäten nach einer erfolgreichen Wahl – sowohl im sportlichen als auch im wirtschaftlichen Bereich?

Erst einmal möchte ich an dieser Stelle betonen, dass wir weder als Präsidium noch als Aufsichtsrat operativ tätig sind. Dafür haben wir die Geschäftsstelle und insbesondere die Geschäftsführung. Das ganze Team hat gerade in den Bereichen wirtschaftliche Entwicklung, Marketing und Vertrieb sowie Kommunikation und Markenführung in den vergangenen Jahren sehr gute Arbeit geleistet.

Im sportlichen Bereich hingegen haben wir die ersten Handlungsfelder bereits benannt, die wir im Sinne einer Verbesserung auch schon angegangen sind. Vor allem bei den Themen Kaderwertmanagement, Scouting und mehr Durchlässigkeit vom Nachwuchsbereich in den Lizenzkader bekommen die Verantwortlichen von uns die volle Unterstützung, um die nächsten Schritte zügig zu gehen. Das Vertrauen in das Führungstrio Kaenzig, Dufner und Hecking ist groß. Und die ersten Neuverpflichtungen für die kommende Saison, inklusive des Direktors für Kadermanagement, spiegeln den eingeschlagenen Weg bereits wider.

Was unterscheidet Ihr Team vom „Team Zukunft“?

Was macht Ihr Team strukturell und strategisch besser? Bitte stellen Sie Ihr Team kurz vor. Wer übernimmt welche Rolle – und welche Kompetenzen bringen Ihre Mitstreiter für die Amtszeit 2025 bis 2028 mit?

Wir tun gut daran, wenn wir komplett bei uns bleiben. Es geht doch darum, dass wir den Mitgliedern am 14. Juni ein ehrliches und authentisches Angebot machen. Weil für uns kein Zweifel darin besteht, dass nachhaltiger Erfolg Kontinuität und Verlässlichkeit braucht, steht unser Team für Evolution statt Revolution. Zudem setzen wir auf echte Teamarbeit, bei uns wird es keine One-Man-Show geben. Zumal wir uns im Jahr 2025 befinden: Wir wollen die Führungskräfte im Club modern führen – und das durch Enabling Leadership statt einem autoritären Führungsstil. Nicht zu vergessen: Wir verfügen über eine große und breite Erfahrung in der Gremienarbeit sowie in der Führung von unterschiedlichsten Organisationen und weisen eine starke, langjährige Verwurzelung im VfL auf.

Und zur Vorstellung der Mitglieder des Teams „WIR für den VfL“: Es handelt sich bei allen fünf Personen um erfahrene Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Organisation, Profifußball und Sport-Management.

Dr. Karl-Heinz Bauer war 25 Jahre Mannschaftsarzt beim VfL, kennt die Kabine wie kein Zweiter, ist sehr gut vernetzt in der Liga, bei der DFL und beim DFB. Darüber hinaus hat er über 40 Jahre als Facharzt gearbeitet und fast 20 Jahre lang als Ärztlicher Direktor das Klinikum Westfalen geleitet. Ein echter Macher, der für den Verein brennt.

Mirja Dorny war nicht nur Juniorennationalspielerin und hat es bis in die Bundesliga geschafft, sie hat die Frauenabteilung im VfL mitinitiiert und parallel die Grundlagen für eine Karriere in der Wohnungswirtschaft gelegt. Sie ist seit drei Jahren Geschäftsführerin der Baugesellschaft Hanau. Beim VfL liegen ihr neben dem Frauenfußball auch die Themen Nachwuchsförderung und Nachhaltigkeit sehr am Herzen.

Thomas Ernst hat den Profifußball aus vielen unterschiedlichen Perspektiven erlebt und gestaltet. Er war fast 20 Jahre Profi, war Teammanager, Vorstandsmitglied, Spielerberater und hat seinen Sohn Tjark auf dem Weg zum Zweitliga-Profi und U21-Nationalspieler begleitet. Er hat ein breites Netzwerk und eine hohe Affinität zu den Themen Scouting und Nachwuchsförderung. Hier verfügt er über viel Expertise.

Martin Volpers vereint für mich drei Kernkompetenzen: Er führt seit 17 Jahren mittelständische Unternehmen, verfügt über eine jahrzehntelange Erfahrung in der Arbeit unterschiedlichster Gremien und kennt wie kaum ein Zweiter die Fan- und Vereinskultur des VfL. Er engagiert sich sehr bei den Themen Investoren-Auswahl und Infrastruktur-Vorhaben.

Ich persönlich möchte den Weg unseres VfL weiterhin aktiv mitgestalten – mit meiner Kompetenz, meiner Erfahrung und vor allem mit meiner Leidenschaft für diesen Verein. Aus meiner langjährigen Tätigkeit in der Energiewirtschaft und in großen Unternehmensstrukturen bringe ich ein breites Führungswissen mit, das gerade jetzt und in Zukunft von großer Bedeutung für unseren VfL ist. Auch meine Zeit in der Betriebsratsarbeit hat mir gezeigt, wie wichtig ein respektvolles Miteinander und echte Teamarbeit sind. Besonders stolz bin ich auf meine enge Verbundenheit mit dem VfL – von meinen Anfängen im Aufsichtsrat bis zu meiner heutigen Aufgabe im Präsidium. Die Kombination aus Managementerfahrung und strategischer Vereinsarbeit prägt meinen Blick – und genau diese Erfahrung möchte ich weiterhin in den Dienst unseres Vereins stellen.

Fehlentscheidungen der Vergangenheit

Mit welchen konkreten Entscheidungen sind Sie nicht einverstanden gewesen? Und inwieweit waren auch Sie als damaliges, gewähltes Mitglied im Aufsichtsrat mitverantwortlich? Was wollen Sie mit Ihrem Team beim nun folgenden sportlichen Umbruch anders machen?

Selbstverständlich tragen Aufsichtsrat und Präsidium eine Verantwortung für die sportliche Entwicklung in den vergangenen Jahren. Ganz grundsätzlich gesprochen haben wir es nach dem Abgang von Sebastian Schindzielorz nicht mehr geschafft, die so dringend benötigte Kontinuität in die sportliche Führung zu bekommen. Das hat unter anderem dazu geführt, dass Spielphilosophie und Kaderzusammenstellung in der vergangenen Saison nicht zusammengepasst haben.

Darauf haben wir in den zurückliegenden Monaten reagiert. Wir haben den Vertrag mit Kaenzig verlängert, Trainer Dieter Hecking für den VfL gewinnen können und Dirk Dufner als Geschäftsführer Sport verpflichtet. Dieses kompetente und erfahrene Führungstrio wird mit unserer Unterstützung in der Lage sein, den VfL wieder in die sportliche Erfolgsspur zu führen. Wir befinden uns schon mittendrin in diesem Prozess und treten nun dafür an, diesen Kurs fortzusetzen.

Rücktritt von Hans-Peter Villis

Warum kam es aus Ihrer Sicht zum Rücktritt?

Wie er selbst sagt, hat Hans-Peter Villis zunächst das Team im Präsidium verloren. Im Januar 2025 wurde er dann von den Mitgliedern abgewählt – eine demokratische Entscheidung. Die Gründe dafür lagen in seinem Verhalten. „Offene Geheimnisse“ sind Gift für Gremienarbeit, und an der sportlichen Leitung vorbei einen anderen Trainer zu präsentieren ist ein No-Go. Das Präsidium ist nicht zuständig, einen Trainer zu bestimmen. Diese Zeiten sollten schon lange vorbei sein.

Nachwuchsarbeit, Talente und die Rolle der U21

Wie wollen Sie die Nachwuchsförderung strategisch aufstellen – und welche Rolle soll die U21 künftig spielen?

Ganz kurz zusammengefasst, geht es um Verbesserungen in der strukturierten Talentförderung mit Fokus auf den Übergangsbereich zum Lizenzkader. Dabei ist es wichtig, zu fördern, zu fordern und zu binden.

In diesem Zusammenhang ist der Aufstieg unserer U21 in die Regionalliga eine große Chance für den Verein. Dafür nur ein Beispiel: 2015 hat Atakan Karazor, der in diesem Jahr den VfB Stuttgart als Kapitän zum DFB-Pokalsieg geführt hat, den VfL Bochum verlassen, um in der Regionalliga West für die U23 von Borussia Dortmund Spielpraxis im Seniorenbereich zu sammeln. Dieses Angebot konnten wir ihm vor zehn Jahren nicht machen, damals gab es keine zweite Mannschaft beim VfL.

Professionalisierung

Sie betonen das Potenzial der Geschäftsstelle und den Wert der Mitarbeitenden. Wie sieht Ihr Plan aus, um dort moderne Strukturen zu etablieren, ohne gewachsene Vereinskultur zu gefährden?

Ziel ist es, den eingeschlagenen Weg, den Bochumer Weg, fortzuführen. Der Begriff „moderne Strukturen“ ist mir zu abstrakt, nicht konkret genug. Wir benötigen vielmehr klare Verantwortlichkeiten, aber kein Silo-Denken. Die Zusammenarbeit über den eigenen Bereich hinaus, in Netzwerken – dafür wollen wir uns einsetzen. Darin sehen wir einen Mehrwert – wobei wir hier wieder beim „WIR“ sind. Es geht um eine wertschätzende Führung: Die Menschen im Verein müssen gehört und eingebunden werden.

Verhältnis zur Geschäftsführung und Trainer

Sie wollen beraten, unterstützen, aber nicht einmischen. Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Kontrolle und Einmischung konkret – besonders in sportlich schwierigen Phasen?

Natürlich ist es unsere Aufgabe, die Leitplanken zu setzen, die grundsätzliche strategische Ausrichtung vorzugeben und beim Prozess zu helfen. In diesem Zusammenhang sind wir jedoch der Auffassung, dass Vertrauen die handelnden Personen mehr stärkt als Kontrolle. Nur so bekommst du Top-Leute für die verschiedenen Aufgaben und erhöhst damit signifikant die Erfolgswahrscheinlichkeit.

Sponsoring und Investorensuche

Wie wollen Sie neue Partner für den VfL gewinnen – und wie stehen Sie zu einem möglichen Investor?

Pflege und Ausbau des Partnernetzwerks sind ein fortlaufender Prozess. Es geht auch hier um Wertschätzung, Nahbarkeit, Transparenz und einen emotionalen Mehrwert. In diesem Kontext hat die Vertriebsmannschaft in den vergangenen Jahren viel richtig gemacht. Allerdings habe ich den Eindruck, dass wir unser Netzwerk noch mehr nutzen können. Doch dafür braucht es auch Vertrauen, das nicht von heute auf morgen entsteht.

Beim Thema Investorensuche bewegen wir uns im Rahmen der Vorgaben unserer Mitglieder. Ein Investor muss zum VfL und seinen Werten passen.

Nachhaltiger sportlicher Erfolg

Ist der direkte Wiederaufstieg in die Bundesliga alternativlos – oder akzeptieren Sie ein mehrjähriges Projekt mit Kontinuität?

Wirtschaftlichkeit ist immer die Basis für sportlichen Erfolg. Und die ist dank des guten Wirtschaftens in den vergangenen Jahren gegeben. Unser Budget für den Lizenzkader für die kommende Zweitligasaison wird zu den Top 3 bis 5 gehören. Wir sind also „aufstiegsfähig“, und als leidenschaftlicher Fan will ich das sportliche Ziel auch mit aller Macht erreichen.

Sollte uns das allerdings nicht gelingen, dann werden wir in Bochum nicht am Abgrund stehen. Nachhaltiger Erfolg bedeutet für mich, dass der VfL seine Position als etabliertes Mitglied des deutschen Profifußballs nicht nur festigt, sondern konsequent ausbaut – und das schwerpunktmäßig in der ersten Bundesliga.

Einbindung der Mitglieder

Wie wollen Sie mehr Transparenz und echte Mitbestimmung etablieren – auch zwischen den Mitgliederversammlungen?

Die Lernkurve in diesem Zusammenhang geht weiter. Wir werden auf jeden Fall die vielen Dialogveranstaltungen fortführen und denken darüber nach, wie wir besser konkrete Maßnahmen aus dem Mitglieder-Input ableiten können.

Geeignete Themen sind unserer Meinung nach die Stadionnutzung im Rahmen der Ertüchtigung, Satzungsthemen, Weiterentwicklung des Frauenfußballs sowie Fanbelange an den Spieltagen. Weitere konkrete Maßnahmen sind, dass wir den Fanvertreter fest in den Aufsichtsrat integrieren wollen und die Satzung zudem dahingehend ändern wollen, dass der Aufsichtsratsvorsitz nur durch eine von der Mitgliederversammlung gewählte Person besetzt werden kann.

Umgang mit internen Machtfragen

Welche Maßnahmen planen Sie, um künftig Transparenz und Einheit im Präsidium zu gewährleisten?

Wenn die Mitglieder im Präsidium offen, konstruktiv und vertrauensvoll miteinander umgehen, dann wird das Gremium zum Wohle des Vereins arbeiten können. Zudem habe ich es bereits betont: Ich habe keinen klassischen Machtkampf wahrgenommen. Niemand von uns, die nach der Abwahl von Hans-Peter Villis im Präsidium verblieben sind, wollte an die Macht. Wir haben vielmehr Verantwortung für den Verein übernommen.