Interview mit Hans-Peter Villis vom Team „Zukunft“

Richtungswahl an der Castroper Straße: VfL Bochum vor wegweisender Entscheidung

Hans-Peter Villis tritt am 14. Juni mit seinem „Team Zukunft“ bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung zur Wahl des VfL-Präsidiums an.

Im heutigen Interview spricht der frühere Aufsichtsratschef offen über Fehler der Vergangenheit, den Umgang mit potenziellen Investoren und seine persönliche Rolle in einem möglichen Neuanfang.

Auch das zweite Team wird Gehör finden: Anfang kommender Woche stellt sich hier Uwe Tigges, der amtierende Präsident, den Fragen – und gibt Einblicke in die Ideen und Visionen seines Teams „WIR für den VfL“.

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Herr Villis, Ihr Rücktritt im Frühjahr 2024 kam für viele überraschend. War das eine rein persönliche Entscheidung – oder eine Reaktion auf den wachsenden Druck innerhalb des Vereins? Wie bewerten Sie Ihren Rückzug heute, auch im Kontext der damaligen Spannungen im Aufsichtsrat?

Mein Rückzug im Oktober 2024 war ein bewusster Schritt, um in einer angespannten Phase Ruhe einkehren zu lassen. Anfang 2025 hatte ich gehofft, dass sich die Wogen geglättet hätten und ich wieder konstruktiv mitarbeiten könnte. Stattdessen wurde ich abgewählt und in keine Entscheidungen mehr intensiv eingebunden. Ich hätte gerne weiter Verantwortung übernommen – gerade mit Blick auf die sportliche Situation. Dass das damals nicht möglich war, war persönlich schmerzhaft, aber ich habe es respektiert. Der Vorgang zeigt: Das Präsidium ist ein demokratisches Gremium. Es gibt keine Alleingänge – und das ist auch gut so. 

Nun treten Sie mit Ihrem neuen „Team Zukunft“ erneut zur Wahl an. Wie erklären Sie diesen Schritt den Mitgliedern, die Ihren Rücktritt damals als Startpunkt für einen personellen Neuanfang verstanden haben? Sehen Sie selbst darin keinen Widerspruch, nun erneut anzutreten?

Ich kann verstehen, dass es unterschiedliche Wahrnehmungen zu meinem damaligen Rückzug gibt. Aber wie bereits gesagt: Ich habe meine Ämter ruhen lassen – ich bin nicht zurückgetreten. Und ich wurde anschließend in keine Entscheidungen mehr einbezogen. Es gibt sicherlich Mitglieder, die sich damals einen kompletten Neuanfang gewünscht haben. Aber es gab auch viele Gespräche, in denen ich bestärkt wurde, erneut zu kandidieren – gerade, weil ich meine Erfahrung einbringen und einen Übergang gestalten kann. Beides nehme ich ernst. Mir ist klar, dass man es nicht allen recht machen kann – aber man kann versuchen, besser zuzuhören, transparenter zu arbeiten und Prozesse nachvollziehbarer zu gestalten. Deshalb ist ein Baustein unserer Idee auch, Mitglieder künftig stärker einzubinden – etwa über den geplanten Think Tank. Kritik soll nicht ins Leere laufen, sondern Impulse setzen. 

2022 kam es zur Trennung von Sebastian Schindzielorz, der bei vielen VfL-Fans noch heute als Architekt des damaligen Erfolges wahrgenommen wird. Die Entscheidung wurde in der Öffentlichkeit als intransparent und konfliktreich wahrgenommen, da Schindzielorz gerne weiter in Bochum gearbeitet hätte, jedoch keinen neuen Vertrag von Ihnen vorgelegt bekommen hat. Wie erklären Sie aus heutiger Sicht die damalige Kommunikation – und welche Verantwortung übernehmen Sie persönlich für den Verlauf? 

Die Frage nach Sebastian Schindzielorz ist berechtigt – sein Abschied liegt zwar schon etwas zurück, aber seine Arbeit beim VfL hat großen Eindruck hinterlassen. Er hat viel geleistet, und wir hätten zu der Zeit sehr gerne mit ihm weitergearbeitet. Es gab entsprechende Angebote unsererseits. Am Ende hat er sich für eine neue Aufgabe bei einem größeren Verein entschieden, zu dem er auch eine persönliche Verbindung hat. Das ist schade, aber nachvollziehbar. Dass öffentlich der Eindruck entstanden ist, es habe kein Angebot gegeben, ist nicht korrekt – und das hätten wir damals klarer einordnen müssen. Genau an solchen Punkten wollen wir künftig besser werden. Und vielleicht zeigt gerade dieser Fall auch etwas Positives: Der VfL ist nicht nur eine gute Spielerschmiede – sondern auch eine gute Managerschmiede. 

Auch in den folgenden Jahren gab es personelle Turbulenzen – etwa um Patrick Fabian, Peter Zeidler oder Marc Lettau. Wie bewerten Sie rückblickend die Rolle des Aufsichtsrats in diesen Fällen – und was hätten Sie persönlich anders machen können?

Ich verstehe, dass diese Personalentscheidungen in der Öffentlichkeit unterschiedlich wahrgenommen wurden. Aber man darf nicht vergessen: Das waren keine Einzelentscheidungen, sondern Beschlüsse des gesamten Gremiums – teils in Mehrheitsentscheidungen, oft nach intensiver Beratung und auch kontroverser Diskussion. Es ist mir wichtig, das einzuordnen: Man spricht dabei über Menschen – über Karrieren, Biografien und über sehr persönliche Situationen. Nicht jede Entscheidung war zu ihrem Zeitpunkt falsch – aber rückblickend haben wir bei manchen Vorgängen zu lange gewartet. Das hat in der Außenwirkung für Irritationen gesorgt. 

Die sportliche Krise 2023/24 und der Abstieg 2024/25 kamen nicht überraschend – wurden aus Sicht vieler Fans und Beobachter aber zu spät ernst genommen. Was lief Ihrer Meinung nach schief – und welche Verantwortung tragen Sie als damaliger Aufsichtsratsvorsitzender?

Der Abstieg war das Ergebnis einer Entwicklung, die sich über Monate abgezeichnet hat – und ja, wir haben im Aufsichtsrat zu lange gehofft, dass sich die Lage sportlich stabilisiert. Eine zentrale Rolle spielte auch, dass es nicht gelungen ist, frühzeitig einen Sportgeschäftsführer zu finden. Ilja Kaenzig hat in dieser Phase viel Verantwortung allein getragen und das mit großem Engagement – aber der Tag hat nur 24 Stunden. Gerade in der Wintertransferperiode hätte ein klar besetzter sportlicher Bereich womöglich anders agieren können. An diesen Entscheidung hatte ich zu dem Zeitpunkt keine Mitwirkung mehr. 

2022 haben sich die Ultras Bochum offen gegen Ihre Wiederwahl ausgesprochen. Wie wollen Sie heute das verloren gegangene Vertrauen der aktiven Fanszene zurückgewinnen? Und räumen Sie selbst kommunikative Fehler ein?

Die Kritik der Ultras an meiner Wiederwahl 2022 war klar – und sie war legitim. Ich habe das ernst genommen. Dass es damals Brüche gab, ist unbestritten. Mir ist bewusst, dass ein besseres Vertrauensverhältnis nicht einfach entsteht, sondern erarbeitet werden muss. Und ich sehe es als meine Aufgabe, dazu mehr beizutragen als bisher. 

Was würden Sie heute anders machen als in Ihrer vorherigen Amtszeit, Herr Villis? Welche drei Entscheidungen oder Entwicklungen würden Sie aus heutiger Sicht als Ihre größten Fehler bezeichnen?

In der Rückschau gibt es sicher Entscheidungen, bei denen ich heute anders handeln würde. Drei Punkte stehen für mich besonders im Raum: Erstens: Wir haben in einzelnen Personalfragen zu lange gewartet. Nicht jede Entscheidung war falsch, aber das Timing war oft zu zögerlich – und das hat Vertrauen gekostet. Zweitens: Die Kommunikation in kritischen Phasen war nicht gut genug. Es wurden Entscheidungen getroffen, die wir besser hätten erklären müssen – nach innen wie nach außen. Drittens: In der Zuspitzung mancher interner Konflikte hätte ich früher für mich selbst die Reißleine ziehen müssen – nicht, um mich rauszuziehen, sondern um Raum für Beruhigung zu schaffen und zu einem späteren Zeitpunkt wieder in den Austausch zu kommen. 

Sie sprechen von einem „VfL der Zukunft“. Was genau möchten Sie gemeinsam mit Ihrem neuen Team verändern – und worin unterscheiden sich Ihre heutigen Pläne bewusst von Ihrer früheren Amtszeit?

Das „Team Zukunft“ steht für eine andere Art der Zusammenarbeit. Wir arbeiten mit klar zugeordneten Verantwortungsbereichen – fachlich, thematisch und strategisch. Schon in der Vorbereitung zur Wahl merken wir, wie professionell und konstruktiv der Austausch läuft. Es geht nicht darum, Aufgaben nur abzuarbeiten und zu verwalten – sondern Themen weiterzuentwickeln. Und wir wollen näher ran an die Mitglieder: mit klareren Kommunikationswegen und Formaten wie dem geplanten Think Tank, der echten Austausch ermöglicht. 

Bitte stellen Sie Ihr Team kurz vor, Herr Villis. Wer übernimmt welche Rolle – und welche Kompetenzen bringen Ihre Mitstreiter für die Amtszeit 2025 bis 2028 mit?

Unser Team bringt sehr unterschiedliche Perspektiven zusammen, die sich gut ergänzen. Mit Andreas Luthe und Jupp Tenhagen haben wir zwei Persönlichkeiten, die für sportliche Kompetenz und tiefe Vereinsbindung stehen – einer aus der aktuellen Profiwelt, der andere als langjähriges Gesicht des VfL. Christian Stenneken, Partner bei Aulinger, bringt juristische und unternehmerische Erfahrung ein, insbesondere bei Struktur- und Satzungsthemen. Till Grönemeyer ergänzt das mit einem modernen Blick auf neue Geldquellen und Finanzierungsmodelle. Bettina Stratmann wiederum steht für Nähe zu den Mitgliedern, soziale Öffnung und einen kommunikativen Draht in alle Richtungen. Und ich selbst sehe meine Aufgabe darin, dieses Team zu koordinieren, Strukturen zu schaffen und den Übergang gut zu begleiten. 

Nach den vergangenen Konflikten im Verein fragen sich viele: Wie wollen Sie künftig für mehr Stabilität sorgen? Was ist Ihr Plan, um ein besseres Miteinander zwischen Aufsichtsrat, Geschäftsführung und Sportbereich sicherzustellen? Stabilität entsteht nicht durch Anweisungen von oben, sondern durch Klarheit, Verlässlichkeit und frühzeitigen Austausch. Wir wollen die Zusammenarbeit im Verein neu aufsetzen – mit klar verteilten Zuständigkeiten, regelmäßigen Abstimmungen und einem Präsidium, das nicht steuert, sondern Rahmen gibt. Gerade das Verhältnis zwischen Aufsichtsrat, Geschäftsführung und sportlicher Leitung braucht Verlässlichkeit und Vertrauen. Unser Team bringt dafür die nötige Mischung aus Struktur, sportlichem Sachverstand und kommunikativer Stärke mit. Wir wollen Konflikte nicht aussitzen oder wegmoderieren – sondern ehrlich benennen und lösungsorientiert angehen. 

Seit der Ausgliederung 2017 wurde kein strategischer Investor für den VfL gewonnen. Welche Rolle haben Sie in den bisherigen Gesprächen gespielt – und warum kam es trotz Ankündigungen nie zu einem Abschluss? Was planen Sie für die Zukunft in diesem Bereich, um erfolgreicher zu agieren? Ja, es ist richtig: Bislang wurde kein Investor gewonnen – und ich war an den bisherigen Gesprächen beteiligt. Es hat intensive Verhandlungen gegeben, auch mit Partnern, mit denen wir kurz vor einer Einigung standen. In einem konkreten Fall wurden jedoch kurz vor Abschluss die Spielregeln verändert – zu Bedingungen, die aus unserer Sicht nicht tragbar gewesen wären. Wir waren nie bereit, dafür unsere Strukturen oder Ziele zu verbiegen. 

Mit Till Grönemeyer haben wir im neuen Team jemanden, der diesen Bereich mit klarem Blick neu aufsetzen wird. Es geht dabei ausdrücklich nicht darum, irgendeinen Investor um jeden Preis zu finden – aber es ist auch klar: Der VfL braucht neue Geldquellen, um sich weiterzuentwickeln. Wir wollen deshalb gezielter suchen, strukturierter vorgehen und ganz bewusst darauf achten, dass mögliche Partnerschaften zu unserem Verein passen – wirtschaftlich wie inhaltlich.