Der VfL kann es also doch! Warum Wolfsburg erst der Anfang gewesen sein darf

Der VfL Bochum hat gegen Wolfsburg endlich wieder gezeigt, welches Potenzial in der Mannschaft von Uwe Rösler steckt. Leidenschaft, Mut und Zusammenhalt waren zurück. Doch ein überzeugender Abend allein reicht nicht.

Jetzt muss aus dieser Leistung eine Selbstverständlichkeit werden. Am besten schon am Dienstag gegen Mainz.

Es gibt Fußballspiele, nach denen ein Unentschieden wie eine Niederlage wirkt. Und es gibt Abende, an denen ein einziger Punkt mehr bewirken kann als so mancher Sieg.

Denn was die Mannschaft von Uwe Rösler beim 1:1 gegen den VfL Wolfsburg zeigte, war weit mehr als eine erfreuliche Leistungssteigerung. Es war vor allem der Beweis, dass in diesem Team deutlich mehr steckt, als es die vergangenen Wochen vermuten ließen.

Plötzlich war er wieder zu erkennen:

jener VfL, den die Bochum-Fans sehen wollen. Eine Mannschaft, die sich gegen Widerstände stemmt, die mutig nach vorne spielt, Zweikämpfe annimmt und bereit ist, füreinander zu arbeiten.

Und vielleicht war das die wichtigste Erkenntnis dieses Abends: Das Team hat offenbar verstanden, worum es beim VfL Bochum geht.

Dabei hätte das Spiel kaum schlechter beginnen können. Bereits nach zwei Minuten lag Bochum durch einen sehenswerten Treffer von Fabian Reese zurück. Ein früher Nackenschlag, der angesichts der jüngsten Ergebnisse durchaus das Potenzial hatte, sämtliche guten Vorsätze innerhalb weniger Augenblicke zunichtezumachen.

Doch diesmal geschah etwas, das zuletzt viel zu selten zu beobachten war.

Der VfL ließ sich nicht beeindrucken.

Statt Verunsicherung folgte Entschlossenheit.

Statt hektischer Einzelaktionen entwickelte sich ein zunehmend mutiges und geschlossenes Mannschaftsspiel.

Die Bochumer übernahmen die Initiative, suchten konsequent den Weg nach vorne und erspielten sich Möglichkeiten.

19 Torschüsse standen am Ende zu Buche. Eine Zahl, die durchaus beeindruckt. Allerdings gingen lediglich fünf davon tatsächlich auf das gegnerische Tor.

Und genau hier liegt bereits die erste wichtige Erkenntnis: Der VfL hat gegen Wolfsburg gezeigt, dass er Fußball spielen und Chancen herausarbeiten kann. Doch aus dieser Überlegenheit muss künftig deutlich mehr entstehen.

Denn Leidenschaft allein gewinnt keine Spiele. Sie ist die Grundlage. Entscheidend bleibt, was eine Mannschaft daraus macht.

Rösler hat seine Mannschaft offenbar erreicht

In den vergangenen Wochen war viel über Uwe Rösler diskutiert worden. Über seine taktischen Vorstellungen, seine personellen Entscheidungen und nicht zuletzt darüber, ob er seine Mannschaft überhaupt noch erreicht.

Nach gestern dürfte zumindest die letzte Frage vorerst beantwortet sein.

Die Spieler haben eine Reaktion gezeigt. Nicht mit öffentlichen Durchhalteparolen, sondern auf dem Platz.

Rösler selbst wirkte nach dem Abpfiff entsprechend erleichtert und beeindruckt. Vor allem die Reaktion auf den frühen Rückstand hatte es ihm angetan. Seine Mannschaft sei in den vergangenen Tagen mit viel Kritik konfrontiert gewesen. Umso bemerkenswerter sei es gewesen, wie geschlossen sie anschließend aufgetreten sei.

„Wir haben heute die Antwort auf dem Platz gegeben“, erklärte Coach nach dem Spiel.

Und fügte hinzu: „Das war heute ein sehr guter Schritt in die richtige Richtung.“

Zwei Sätze, die treffender kaum sein könnten.

Denn es war eine Antwort. Aber eben auch nur ein Schritt.

Dass Rösler mit seinen Veränderungen durchaus richtig lag, zeigte sich insbesondere an Berkan Taz. Der Offensivspieler brachte Kreativität, Spielfreude und jene Unbekümmertheit ins Bochumer Spiel, die zuletzt häufig vermisst worden war.

Bemerkenswert war dabei auch seine Erklärung nach dem Spiel. Rösler habe ihm viel Vertrauen entgegengebracht und ihn aufgefordert, wieder so zu spielen wie in der vergangenen Saison.

Offenbar genau die richtige Botschaft.

Denn Fußball ist eben nicht ausschließlich eine Frage von Taktik, Systemen und Laufwegen. Manchmal entscheidet auch das Vertrauen eines Trainers darüber, ob ein Spieler seine Fähigkeiten tatsächlich auf den Platz bringt.

Taz zeigte jedenfalls, welches Potenzial in ihm steckt. Und er war damit keineswegs allein.

Auch andere Bochumer Akteure wirkten plötzlich entschlossener, mutiger und selbstbewusster. Es entstand wieder der Eindruck einer Mannschaft, die gemeinsam etwas erreichen wollte.

Als Sean Klaiber in der 63. Minute nach Vorarbeit von Gerrit Holtmann den verdienten Ausgleich erzielte, war das deshalb mehr als nur ein Tor.

Es war die Belohnung für eine Haltung, die man beim VfL zuletzt viel zu selten gesehen hatte.

Die wichtigste Aussage kam von Sean Klaiber

Nach dem Spiel brachte ausgerechnet der Bochumer Torschütze die entscheidende Erkenntnis auf den Punkt.

„Diese Leistung muss der Standard für die nächsten Wochen sein.“

Ein kurzer Satz. Aber einer, an dem sich diese Mannschaft künftig messen lassen muss.

Denn genau darum geht es jetzt.

Nicht um einen gelungenen Freitagabend. Nicht um die kurzfristige Erleichterung nach zuletzt enttäuschenden Auftritten. Und schon gar nicht darum, sich für einen Punktgewinn feiern zu lassen.

Es geht um Verlässlichkeit.

Die Fans des VfL erwarten keine spielerischen Wunderdinge. Sie verlangen nicht, dass ihre Mannschaft jeden Gegner dominiert oder Woche für Woche Fußball zum Zungeschnalzen präsentiert.

Aber sie dürfen erwarten, dass jeder Spieler seine Möglichkeiten ausschöpft. Dass Zweikämpfe angenommen werden. Dass die Mannschaft mutig bleibt, auch wenn es einmal nicht läuft.

Und vor allem, dass die Bereitschaft, alles zu investieren, nicht erst dann sichtbar wird, wenn der öffentliche Druck besonders groß geworden ist.

Genau deshalb darf die Leistung gegen Wolfsburg keine Ausnahme bleiben.

Sie muss zum Maßstab werden.

Dass diese Mannschaft dazu grundsätzlich in der Lage ist, hat sie eindrucksvoll bewiesen. Das Potenzial war schließlich nicht plötzlich über Nacht entstanden. Es war bereits vorhanden. Nur wurde es in den vergangenen Wochen viel zu selten abgerufen.

Und genau das muss sich ändern.

Der Schulterschluss mit den Fans ist zurück

Wer die Atmosphäre im Ruhrstadion erlebte, konnte zudem erkennen, wie wenig es manchmal braucht, um die besondere Verbindung zwischen Mannschaft und Anhängern wiederherzustellen.

Nach den Enttäuschungen der vergangenen Wochen war keineswegs selbstverständlich, dass sich die Stimmung so entwickeln würde.

Doch die Fans sahen eine Mannschaft, die kämpfte, die wollte und die bereit war, sich gegen die drohende nächste Niederlage zu stemmen.

Und sie honorierten diesen Einsatz.

„Ihr habt gekämpft, wir haben es gesehen“, lautete die Botschaft von den Rängen.

Vielleicht beschreibt kaum ein anderer Satz so treffend, was den VfL ausmacht.

Hier geht es nicht allein um Tabellenplätze, Ballbesitzquoten oder taktische Feinheiten. Hier geht es um Identifikation. Um das Gefühl, dass die elf Spieler auf dem Platz verstehen, welche Bedeutung dieses Trikot für die Menschen auf den Rängen besitzt.

Gegen Wolfsburg war diese Verbindung endlich wieder spürbar.

Allerdings gehört zur Wahrheit auch, dass der VfL in der Nachspielzeit noch einmal Glück hatte. Der vermeintliche Wolfsburger Siegtreffer wurde nach einer VAR-Überprüfung wegen eines Handspiels zurückgenommen.

Es hätte also trotz einer insgesamt überzeugenden Vorstellung erneut ein bitterer Abend werden können.

Doch auch das gehört zum Fußball.

Entscheidend ist, dass sich Bochum den Punkt aufgrund seiner Leistung verdient hatte. Selbst Wolfsburgs Trainer Tobias Strobl räumte anschließend ein, dass ein später Sieg seiner Mannschaft wohl zu viel des Guten gewesen wäre.

Jetzt darf aus Hoffnung keine Selbstzufriedenheit werden

So erfreulich die Entwicklung gegen Wolfsburg war, so wichtig ist es, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.

Denn die Tabelle kennt keine Sonderpunkte für Leidenschaft.

Ein Unentschieden bleibt ein Unentschieden. Der erste Heimsieg der Saison lässt weiterhin auf sich warten. Und die Probleme im Torabschluss sind keineswegs verschwunden.

Auch Rösler wird wissen, dass seine Mannschaft noch viel Arbeit vor sich hat.

Die gegen Wolfsburg sichtbaren Fortschritte müssen weiterentwickelt werden. Die offensive Durchschlagskraft muss steigen, die Chancenverwertung besser werden und vor allem muss die Mannschaft lernen, solche Leistungen regelmäßig abzurufen.

Es wäre fatal, wenn dieser Freitagabend in einigen Wochen lediglich als erfreuliche Ausnahme in Erinnerung bliebe.

Als eines jener Spiele, bei denen man anschließend sagt: Eigentlich können sie es doch.

Denn genau dieses „Eigentlich“ muss aus dem Bochumer Fußball verschwinden.

Eine Mannschaft mit diesem Potenzial darf nicht darauf angewiesen sein, erst durch Niederlagen, Kritik und öffentlichen Druck wachgerüttelt zu werden.

Sie muss den Anspruch entwickeln, diese Intensität aus eigenem Antrieb auf den Platz zu bringen.

Woche für Woche.

Unabhängig vom Gegner.

Und unabhängig davon, ob sie gerade unter Druck steht oder nicht.

Dienstag gegen Mainz: Die nächste Gelegenheit, ein Zeichen zu setzen

Viel Zeit, sich mit dem Wolfsburg-Spiel zu beschäftigen, bleibt ohnehin nicht.

Bereits am Dienstag wartet mit dem DFB-Pokalspiel gegen den Bundesligisten Mainz 05 die nächste Herausforderung. Um 18 Uhr wird das Ruhrstadion erneut zur Bühne für eine Mannschaft, die zeigen kann, dass ihre Entwicklung tatsächlich nachhaltig ist.

Natürlich ist ein Pokalspiel gegen einen Bundesligisten eine andere Aufgabe. Und selbstverständlich wird auch Mainz versuchen, den Bochumern die Grenzen aufzuzeigen.

Doch gerade darin liegt die Chance.

Der VfL kann mit einem völlig anderen Selbstverständnis in diese Begegnung gehen als noch vor wenigen Tagen.

Nicht überheblich. Nicht selbstzufrieden. Aber mit dem Wissen, dass er auch gegen einen spielstarken Gegner bestehen kann, wenn jeder bereit ist, seine Fähigkeiten einzubringen.

Vor allem aber bietet der Dienstag die Gelegenheit, den Worten von Sean Klaiber unmittelbar Taten folgen zu lassen.

Wenn die Leistung gegen Wolfsburg tatsächlich zum Standard werden soll, dann muss die Mannschaft genau jetzt damit beginnen.

Es geht nicht darum, dass plötzlich jedes Spiel gewonnen werden muss. Aber es geht darum, dass die Art und Weise, wie diese Mannschaft auftritt, künftig keine Fragen mehr offenlässt.

Dass die Fans nach dem Abpfiff unabhängig vom Ergebnis sagen können: Unsere Mannschaft hat alles versucht.

Und dass aus guten Ansätzen endlich auch die entsprechenden Ergebnisse entstehen.

Der VfL hat gezeigt, was möglich ist. Jetzt muss er es bestätigen.

Vielleicht war der Freitagabend gegen Wolfsburg noch keine sportliche Wende.

Vielleicht war es auch noch nicht der erhoffte Befreiungsschlag.

Aber es war ein Anfang.

Ein Abend, an dem die Mannschaft gezeigt hat, dass sie mehr kann, als sie zuletzt auf den Platz gebracht hat.

Ein Abend, an dem der Trainer erkennen durfte, dass seine Spieler bereit sind, seinen Weg mitzugehen.

Und ein Abend, an dem die Fans endlich wieder das Gefühl hatten, dass ihre Mannschaft verstanden hat, was sie von ihr erwarten.

Das alles ist viel wert.

Doch die eigentliche Bewährungsprobe beginnt erst jetzt.

Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob der VfL Bochum gegen Wolfsburg gut spielen konnte.

Die entscheidende Frage lautet, warum er es nicht viel häufiger tut.

Die Mannschaft hat am Freitag selbst die Antwort darauf gegeben, was in ihr steckt. Nun liegt es an ihr, dieses Potenzial nicht nur gelegentlich aufblitzen zu lassen, sondern dauerhaft abzurufen.

Uwe Rösler und seine Spieler haben gezeigt, dass sie es können.

Jetzt müssen sie zeigen, dass sie es immer wieder können.

Denn ein guter Abend macht noch keine Trendwende. Aber er kann der Anfang einer solchen sein.

Am Dienstag gegen Mainz bietet sich die nächste Gelegenheit.

Und vielleicht wird man dann rückblickend sagen können, dass das 1:1 gegen Wolfsburg weit mehr war als nur ein Punktgewinn.

Nämlich der Moment, in dem der VfL Bochum wieder begonnen hat, an sich selbst zu glauben.

Fotos: Sebastian Sendlak