
Bevor es am Samstag auf dem Rasen zur Sache ging, gab es im Ruhrstadion noch eine richtig schöne Aktion zu entdecken.
Bei einer Mannschaftsaufstellung hatten Kinder die Spieler des VfL gemalt – natürlich jeder auf seine ganz eigene Art. Mal erstaunlich detailgetreu, mal mit viel Fantasie, aber immer mit ganz viel VfL-Liebe.
Und ganz ehrlich: Genau solche kleinen Aktionen machen einen Stadiontag eben auch aus.
Doch irgendwann ging der Blick dann weg von den Bildern und hinunter auf den Rasen.
Denn dort sollte sich zeigen, ob der VfL gegen Greuther Fürth endlich den ersten Heimsieg der Saison feiern kann.

Und lange Zeit sah es tatsächlich danach aus.
Der VfL Bochum zeigt gestern, was möglich ist – und dann genau das, was noch zur Spitzenmannschaft fehlt
Was war das bitte wieder für ein Spiel des VfL?
70 Minuten lang konnte man durchaus das Gefühl bekommen: Heute ist es endlich soweit.
Heute klapp es mit dem ersten Heimsieg.
Philipp Hofmann trifft. Bochum übernimmt nach schwierigen Anfangsminuten immer mehr die Kontrolle. Chancen sind da. Die Fans sind da. Und Greuther Fürth wirkt zeitweise angeschlagen.
Und dann? Dann steht es plötzlich 1:1. Mats Pannewig fliegt mit Gelb-Rot vom Platz. Fürth drückt. Und am Ende muss man beim VfL sogar froh sein, dass wenigstens dieser eine Punkt im Ruhrstadion bleibt.
Vekehrte Welt:
Dieses 1:1 fühlt sich deshalb eher wie zwei verlorene Punkte an als wie ein gewonnener.
Denn die Bochumer hatten dieses Spiel in der Hand. Und genau deshalb ärgert es so sehr. Dabei begann die Partie überhaupt nicht gut. Fürth erwischte den besseren Start und hätte den VfL beinahe schon früh bestraft. Nach einem Bochumer Ballverlust im eigenen Strafraum musste Karol Mets in höchster Not retten.
Das hätte richtig schiefgehen können. Doch dann kam die 17. Minute. Ecke Maximilian Wittek. Philipp Hofmann steigt hoch. Kopfball. 1:0. So einfach kann Fußball manchmal sein. Und irgendwie passte dieses Tor perfekt zu Hofmann. Keine große Show. Keine zehn Übersteiger. Ein Standard, der wuchtige Mittelstürmer – und der Ball liegt im Netz. Es war gleichzeitig das erste Bochumer Heimtor dieser Zweitligasaison. Und plötzlich war der VfL da. Das Tor veränderte das Spiel komplett. Bochum wurde mutiger. Bochum wurde aggressiver.

Und vor allem: Bochum erspielte sich Chancen.
Christian Rasmussen setzte sich auf der rechten Seite durch, Hofmann verpasste seine Hereingabe nur hauchdünn. Mats Pannewig kam frei zum Kopfball. Koji Miyoshi hatte die große Gelegenheit auf das 2:0.
Eine Phase von Bochumer „Dauerfeuer“. Zwischen der 22. und 26. Minute kam der VfL zu mehreren Abschlüssen innerhalb weniger Minuten. Und genau hier liegt vielleicht der entscheidende Punkt dieses Spiels.
Bochum hätte in dieser Phase eigentlich das 2:0 nachlegen müssen.
Nicht irgendwie.
Nicht glücklich.
Sondern völlig verdient.
Das 2:0 lag in der Luft.
Es fiel nur nicht.
Und genau das sollte sich rächen.
Bitter war außerdem die Verletzung von Gerrit Holtmann.
Der Flügelspieler musste bereits nach rund 30 Minuten mit Oberschenkelproblemen ausgewechselt werden. Für ihn kam Neuzugang Jarne Steuckers früher als vermutlich geplant in die Partie.
Gerade bei der ohnehin angespannten Personalsituation ist das die nächste Nachricht, auf die Coach Uwe Rösler vermutlich gerne verzichtet hätte.
Denn spielerisch wird langsam sichtbar, wo die Reise hingehen könnte.
Personell dagegen wird die Luft momentan eher dünner als dicker.
Nach der Pause machte der VfL zunächst dort weiter, wo er aufgehört hatte.
Bochum kontrollierte.
Bochum hatte die besseren Situationen.
Bochum war dem zweiten Treffer näher.
Nur: Er fiel wieder nicht.
Und genau dieses Problem zieht sich langsam durch die ersten Wochen der Saison.
Vier erzielte Tore nach fünf Ligaspielen sind kein Wert, mit dem man dauerhaft ganz oben mitspielen wird. Gleichzeitig hat Bochum auch erst vier Gegentreffer kassiert.
Die Basis stimmt also.
Aber vorne fehlt noch diese Selbstverständlichkeit.
Diese Gier.
Dieses Gefühl: Jetzt liegt der Gegner am Boden – und jetzt treten wir sportlich noch einmal nach.
Timo Horn brachte es nach dem Spiel ziemlich genau auf den Punkt:
„Solche Spiele müssen wir für uns entscheiden, wenn wir ganz oben anklopfen möchten.“
Der Kapitän betonte gleichzeitig, dass sich die Mannschaft nach dem großen Umbruch noch finden müsse. Das ausgegebene Zwischenziel bleibe dennoch bestehen: Vor der Länderspielpause sollen mindestens zehn Punkte stehen. Dafür wäre nun ein Sieg bei Hannover 96 nötig.
Und Fußball kann brutal sein.
- Minute.
Fürths Trainer Heiko Vogel hatte dreifach gewechselt – und bewies damit ein richtig gutes Händchen.
David Srbeny hebt den Ball über die Bochumer Abwehr.
Omar Sillah startet.
Plötzlich ist er durch.
1:1.
Ausgerechnet ein Joker bringt Fürth zurück ins Spiel.
Und danach war der VfL kaum wiederzuerkennen.
Wo vorher Ruhe war, kam Hektik.
Wo vorher Bochum den Ball hatte, spielte plötzlich Fürth.
Wo der VfL vorher nach vorne verteidigte, wurde er immer weiter nach hinten gedrückt.
Timo Horn musste nur wenige Minuten nach dem Ausgleich gegen Sillah stark mit dem Fuß retten.
Der Bochumer Kapitän beschrieb später genau dieses Problem: In solchen Druckphasen müsse die Mannschaft lernen, selbst wieder Ballbesitz zu bekommen und für Entlastung zu sorgen. Stattdessen würden die Bälle noch zu häufig hektisch nach vorne geschlagen.
Das ist vielleicht sogar die wichtigste Erkenntnis dieses Spiels.

Dann die 82. Minute.
Mats Pannewig, bereits verwarnt, kommt zu spät.
Zweite Gelbe Karte.
Feierabend.
Und spätestens jetzt ging es nicht mehr um den Heimsieg.
Jetzt ging es darum, diesen einen Punkt irgendwie festzuhalten.
Fürth drückte.
Bochum warf sich in jeden Ball.
Doni Arifi hätte die Partie für die Gäste sogar noch komplett drehen können.
Dass es beim 1:1 blieb, war in diesen letzten Minuten eher Bochumer Kampfgeist – und auch ein bisschen Glück.
Und genau deshalb ist die Bewertung dieses Spiels so kompliziert.
Nach 70 Minuten ist dieser Punkt zu wenig.
Nach 90 Minuten muss man fast froh darüber sein.
Coach Uwe Rösler fand nach dem Spiel erstaunlich klare Worte.
„Da hat mir ein bisschen die Gier und der absolute Wille gefehlt.“
Und damit trifft er den Kern ziemlich genau.
Denn dieses Spiel wurde nicht in der 71. Minute verloren.
Es wurde vorher nicht entschieden.
Stürmer Philipp Hofmann sah es ähnlich.
Der Torschütze sagte nach dem Spiel in der Mixed-Zone:
„Wir haben es verpasst, das Spiel in der ersten Halbzeit zu entscheiden.“
Hofmann kritisierte zudem, dass die Mannschaft später zu passiv geworden sei.
Und genau das ist entscheidend.
Denn Passivität wird in dieser 2. Bundesliga bestraft.
Vielleicht nicht immer.
Aber oft genug.
Und bei aller Enttäuschung darf man eines nicht vergessen.
Dieser VfL sieht inzwischen besser aus als noch zu Saisonbeginn.
Man erkennt langsam Abläufe.
Man erkennt eine defensive Stabilität.
Man sieht, dass Bochum Phasen eines Spiels kontrollieren kann.
Und man erkennt mittlerweile auch, was Rösler mit dieser Mannschaft vorhat.
Das Problem ist also nicht, dass Bochum schlecht Fußball spielt.
Das Problem ist:
Bochum belohnt sich noch nicht ausreichend dafür.
Und trotzdem bleibt da diese Statistik.
Drei Heimspiele.
Kein Sieg.
Nach den beiden 0:1-Niederlagen gegen Hertha BSC und den VfL Osnabrück gibt es gegen Fürth immerhin den ersten Heimpunkt.
Aber natürlich ist das nicht der Anspruch.
Vor allem nicht, wenn man perspektivisch oben mitspielen möchte.
Auswärts funktioniert es bislang hervorragend.
Zu Hause dagegen fehlt noch dieser eine Moment, in dem ein Spiel auch wirklich zugemacht wird.
Vielleicht ist genau das momentan der Unterschied zwischen einer guten Mannschaft und einer Spitzenmannschaft.
Und damit wird das kommende Spiel bei Hannover 96 plötzlich ziemlich interessant.
Nicht nur wegen der Tabelle.
Sondern wegen der Reaktion.
Schafft der VfL es, die guten 60 oder 70 Minuten gegen Fürth mitzunehmen?
Schafft er es, trotz der Ausfälle stabil zu bleiben?
Und vor allem:
Schafft er es endlich, einen Gegner zu bestrafen, wenn dieser wackelt?
Denn eines hat dieses 1:1 deutlich gezeigt:
Bochum ist nicht weit davon entfernt, richtig gute Spiele zu machen.
Aber „nicht weit entfernt“ bringt am Ende keine zusätzlichen Punkte.
Hofmann trifft.
Horn hält.
Die Defensive steht über weite Strecken.
Und spielerisch geht es sichtbar voran.
Jetzt muss der VfL lernen, Spiele zu killen.
Denn wenn Bochum tatsächlich oben anklopfen möchte, wie Timo Horn es formuliert hat, dann müssen genau solche Spiele gewonnen werden.
Nicht irgendwann.

Sondern jetzt.:
Vielleicht ist dieses 1:1 deshalb sogar lehrreicher als ein dreckiges 1:0 gewesen wäre.
Denn spätestens jetzt weiß jeder, was noch fehlt.
Die Qualität ist da.
Die Entwicklung ist da.
Jetzt braucht dieser VfL nur noch eines: diesen verdammten Killerinstinkt.
Fotos: Sebastian Sendlak