
Fehlstart gegen Hertha – doch Coach Rösler hat etwas entdeckt, das für die Saison entscheidend werden kann
Null Punkte. Kein Tor. Erste Heimniederlage.
Wer nach zwei Nächten schlafen nur diese drei Fakten über den Saisonstart des VfL Bochum kennt, könnte als Bochum Fan sicherlich denken: Geht das typische Dilemma schon wieder von vorne los?
Doch Vorsicht. So einfach ist es nicht, auch wenn es so scheint.
Das 0:1 gegen Hertha BSC erzählt eine wesentlich spannendere Geschichte.
Denn der VfL zeigte am Freitagabend zwei Gesichter: 45 Minuten lang eines, das Uwe Rösler überhaupt nicht gefallen kann. Und anschließend eines, das in dieser Saison noch verdammt viel Spaß machen könnte.
BOCHUMS GRÖSSTES PROBLEM? DIE ERSTEN 45 MINUTEN!
Ausverkauftes Ruhrstadion. 26.000 Zuschauer. Ein Gegner, der selbst hohe Ambitionen besitzt. Auch ohne Neuverpflichtung. Eigentlich genau die Bühne, auf der Bochum sofort zeigen wollte, was die Mannschaft in dieser Saison vorhat. Doch zunächst zeigte es Hertha. Die Berliner waren griffiger, präsenter und bei den zweiten Bällen stärker. Hertha-Trainer Stefan Leitl sprach anschließend von einer „unfassbar intensiven“ ersten Hälfte seiner Mannschaft. Und der VfL? Kam zu häufig einen Schritt zu spät. Das ist gefährlich. Denn genau diese Zweite Liga verzeiht solche Phasen nicht. In der 39. Minute bekamen die Bochumer dann die Rechnung.
Sebastian Grønning. 0:1.
Maximilian Wittek gab hinterher zu, dass Bochum diese Situation nicht gut verteidigt hatte. Ein Fehler.Ein Gegentor. Ein verlorenes Spiel. So brutal ist diese Liga.
DANN PASSIERT DAS, DAS RÖSLER UND ALLEN BOCHUM FANS HOFFNUNG MACHEN MUSS
Pause. Der Coach reagiert. Karol Mets kommt. Bochum verändert sein Spiel. Und plötzlich steht auf dem Rasen eine andere Mannschaft. Der VfL schiebt nach vorne. Gewinnt mehr Bälle. Hält Hertha vom eigenen Tor fern. Erarbeitet sich Möglichkeiten. Das Ruhrstadion ist wieder da. Und Hertha? Kommt kaum noch raus!
Uwe Rösler fasste es anschließend bemerkenswert deutlich zusammen:
„In der zweiten Halbzeit hat nur noch eine Mannschaft das Spiel dominiert, das waren wir.“
Noch stärker ist die Zahl dahinter: Hertha hat nach der Pause keinen einzigen Torschuss mehr.
Keinen!
Das muss man sich vor Augen führen.
Hier spielte nicht Bochum gegen irgendeinen Abstiegskandidaten.
Hier spielte der VfL gegen eine Hertha-Mannschaft, die selbst hohe Ansprüche hat.
Und die wurde nach der Pause über weite Strecken zum Verteidigen gezwungen.
Das ist die beste Nachricht dieses Abends.
ABER JETZT KOMMT DIE SCHLECHTESTE …
Bochum kann drücken. Bochum kann kämpfen. Bochum kann Chancen herausspielen. Nur eines muss Bochum dringend wieder lernen: TORE SCHIESSEN! Philipp Hofmann per Kopf. Berkan Taz per Kopf. Gerrit Holtmann knapp vorbei. Maximilian Wittek mit seinem Abschluss. Möglichkeiten waren vorhanden. Nur im Netz landete keine. Und genau deshalb darf man diese Niederlage auch nicht romantisieren. Wer in der 2. Liga oben mitspielen will, kann nachher nicht jede Woche sagen: Eigentlich waren wir besser. Die Bochumer Mannschaft muss irgendwann auch gewinnen.
UND JETZT DIE GROSSE FRAGE: KANN DER VFL OBEN ANGREIFEN?
Nach einem Spieltag wäre es unseriös, den VfL zum Aufstiegskandidaten zu erklären. Aber genauso falsch wäre es, dieses 0:1 als Beweis dafür zu sehen, dass Bochum dafür nicht gut genug ist. Denn dafür war die zweite Hälfte zu überzeugend. Die Mannschaft besitzt Erfahrung. Sie besitzt Körperlichkeit. Sie hat mit Hofmann einen echten Zweitliga-Stürmer. Mit Taz kommt Kreativität hinzu. Holtmann bringt Geschwindigkeit. Wittek kann offensiv anschieben. Und Uwe Rösler hat gezeigt, dass er während eines Spiels korrigieren kann.

Das Fundament ist vorhanden.
Aber drei Dinge entscheiden jetzt darüber, ob daraus Mittelmaß oder Spitzengruppe wird.
1. Bochum muss früher wach sein
Eine gute Halbzeit reicht nicht.
Gegen die stärksten Gegner müssen 90 Minuten Intensität kommen.
2. Bochum braucht mehr Tore
Das ist die größte Baustelle.
Wenn aus den Chancen der zweiten Hälfte zwei Treffer entstehen, sprechen nach dem Spiel alle über einen starken Saisonstart.
3. Die Mannschaft muss schnell Konstanz entwickeln
Ein Spitzenteam erkennt man nicht daran, dass es einmal 45 Minuten hervorragend spielt.
Sondern daran, dass es diese Leistung Woche für Woche abrufen kann.
JETZT KOMMT BRAUNSCHWEIG – UND DAMIT DER ERSTE ECHTE TEST
Das nächste Spiel gegen Eintracht Braunschweig am Freitag wird deshalb spannender, als ein zweiter Spieltag normalerweise ist. Denn dort suchen wir weniger nach dem Ergebnis als nach einer Antwort auf eine Frage:
WELCHER VfL IST DER ECHTE?
Der aus der ersten Hälfte gegen Hertha? Zu passiv. Zu spät dran. Nicht konsequent genug. Oder der aus Hälfte zwei? Aggressiv. Mutig. Dominant. Zweikampfstark. Wenn Bochum in Braunschweig dort weitermacht, wo die Mannschaft gegen Hertha nach der Pause aufgehört hat, dann dürfte der erste Sieg nicht lange auf sich warten lassen. Wenn wieder erst ein Gegentor als Weckruf nötig ist, wird es schwieriger.
Fotos: Sebastian Sendlak