Der erste Schweiß ist geflossen, die ersten Eindrücke sind gesammelt — und an diesem Sonntag lässt sich schon etwas klarer einordnen, was sich beim VfL Bochum in diesen Tagen entwickelt. Seit Donnerstag läuft die Vorbereitung auf die neue Saison, und rund um die Castroper Straße ist spürbar: Das wird kein gewöhnlicher Sommer. Es ist ein Neustart. Einer mit vielen neuen Gesichtern, einigen offenen Personalfragen und der großen Aufgabe, aus einem umgebauten Kader möglichst schnell wieder eine echte Bochumer Mannschaft zu formen.

Cheftrainer Uwe Rösler hat seine Mannschaft zum Auftakt direkt arbeiten lassen. Bei hochsommerlichen Temperaturen ging es nicht um schöne Bilder für die Galerie, sondern um Grundlagen: laufen, anlaufen, Zweikämpfe, Abläufe. Genau das, was man im Ruhrgebiet sehen will. Keine Show, kein großes Theater — sondern Arbeit. Und davon wird der VfL in den kommenden Wochen reichlich brauchen.

Rund 250 Fans verfolgten den öffentlichen Trainingsauftakt im Vonovia Ruhrstadion. Sie sahen einen Kader, der schon jetzt anders aussieht als noch vor wenigen Wochen. Sieben externe Neuzugänge standen direkt im Mittelpunkt: Yiğit Karademir, Enis Çokaj, Jean Manuel Mbom, Berkan Taz, Michael Steinwender, Daniel Hanslik und Babis Drakas. Dazu kamen mehrere Talente aus dem eigenen Nachwuchs, die in der Vorbereitung ihre Chance bekommen sollen.

Ganz vollständig war die Gruppe allerdings noch nicht. Mats Pannewig, Maximilian Wittek, Gerrit Holtmann, Mikkel Rakneberg und Darnell Keumo arbeiteten individuell. Kacper Koscierski fehlte, weil er mit der deutschen U19 unterwegs ist. Mathis Clairicia und Ibrahim Sissoko wurden für Vertragsgespräche freigestellt. Auch das zeigt: Der VfL ist gestartet, aber der Kader ist noch nicht fertig. Die Richtung ist erkennbar, die endgültige Form aber noch nicht.
Die Neuzugänge im Überblick
Berkan Taz — der Kreativspieler für die Offensive
Berkan Taz kommt ablösefrei vom SC Verl und bringt genau das mit, was dem VfL im Spiel nach vorne helfen kann: Technik, Abschlussqualität, Standards und Ideen im letzten Drittel. Der 27-Jährige war in der 3. Liga einer der auffälligsten Offensivspieler und sammelte dort starke Scorerwerte. Beim VfL sieht man ihn vor allem als Spieler, der aus dem Zentrum heraus gefährlich werden kann.
Simon Zoller bezeichnete Taz offiziell als „einer der herausragenden Spieler in der 3. Liga“. Besonders wichtig: Taz sucht nicht nur selbst den Abschluss, sondern kann auch Mitspieler einsetzen. Genau deshalb passt er in diesen Umbruch: Er soll Bochums Spiel kreativer, variabler und unberechenbarer machen.
Enis Çokaj — der Mentalitätsspieler fürs Zentrum
Enis Çokaj ist ein Transfer für das Bochumer Herzstück: das Mittelfeld. Der albanische Nationalspieler kommt ablösefrei von Panathinaikos Athen, war zuletzt in Griechenland an Levadiakos verliehen und bringt internationale Erfahrung mit. Beim VfL unterschrieb er bis 2028.
Was bei ihm besonders auffällt: Der VfL holt nicht nur einen Fußballer, sondern einen Typen. Zoller spricht bei Çokaj von genau den Eigenschaften, die zur „VfL-DNA“ passen: „Kampf, Leidenschaft und Herz auf dem Platz“. Das klingt nach einem Spieler, der nicht glänzen muss, um wichtig zu sein. Einer, der Räume schließt, Zweikämpfe führt und einer Mannschaft Stabilität geben kann.
Daniel Hanslik — der erfahrene Arbeiter für die Offensive
Daniel Hanslik kommt vom 1. FC Kaiserslautern und bringt etwas mit, das in einem neu formierten Kader enorm wichtig sein kann: Erfahrung, Haltung und Führungsqualität. In Kaiserslautern war er Vize-Kapitän, Publikumsliebling und ein Spieler, der sich über Einsatz, Laufbereitschaft und Teamdienlichkeit definiert.
Der VfL beschreibt ihn als „absoluten Führungsspieler“. Sportlich ist Hanslik interessant, weil er nicht nur als klassischer Stürmer eingesetzt werden kann, sondern auch als hängende Spitze oder in einer Art 9,5er-Rolle. Für Rösler bedeutet das: mehr Möglichkeiten im Angriff, mehr Erfahrung in engen Spielen und ein Spieler, der weiß, wie sich 2. Bundesliga anfühlt.
Jean Manuel Mbom — der flexible Allrounder
Jean Manuel Mbom kommt ablösefrei vom dänischen Erstligisten Viborg FF und unterschrieb beim VfL bis 2029. Der frühere Bremer bringt Bundesliga-Erfahrung, Auslandserfahrung und vor allem Flexibilität mit. Offiziell wird er als Rechtsverteidiger geführt, kann aber auch im Zentrum auf der Sechs oder Acht spielen.
Genau das macht ihn für Bochum spannend. Zoller nennt ihn ein „tolles Gesamtpaket“ und hebt besonders „Dynamik und Laufstärke“ hervor. Mbom ist damit kein reiner Positionsspieler, sondern ein Kaderbaustein, der mehrere Rollen übernehmen kann. In einer langen Zweitliga-Saison kann genau diese Vielseitigkeit Gold wert sein.
Yiğit Karademir — der junge Innenverteidiger mit Perspektive
Yiğit Karademir kommt ablösefrei vom VfL Osnabrück, mit dem er zuletzt Drittliga-Meister wurde. Der 22-Jährige ist Innenverteidiger, 1,88 Meter groß und unterschrieb in Bochum langfristig bis 2030. Das zeigt: Der VfL sieht in ihm nicht nur eine Soforthilfe, sondern ein Entwicklungsprojekt mit klarer Perspektive.
Offiziell beschreibt ihn Zoller als „spannender, junger Innenverteidiger mit großem Entwicklungspotenzial“. Dazu kommen Top-Physis, Zweikampfstärke und intensive Arbeit gegen den Ball. Karademir passt damit sehr gut in den neuen Bochumer Ansatz: jung, hungrig, entwicklungsfähig — aber schon mit Erfahrung im Herrenbereich.
Michael Steinwender — der moderne Abwehrspieler
Michael Steinwender ist einer der wichtigsten Transfers für die Defensive. Der Österreicher kommt von Heart of Midlothian aus Schottland, ist 1,90 Meter groß und bringt internationale Erfahrung aus Österreich, Schweden und Schottland mit. Beim VfL erhält er die Rückennummer 15 und soll der Innenverteidigung mehr Präsenz geben.
Zoller lobt ihn als „modernen Innenverteidiger“. Besonders genannt werden Tempo, Athletik und ein „mutiges Pressingverhalten“. Genau das deutet an, was Rösler von seiner Abwehr sehen will: nicht nur tief stehen und verteidigen, sondern aktiv verteidigen, mutig rausrücken und Verantwortung übernehmen.
Babis Drakas — Tempo und Tiefe für die Außenbahn
Babis Drakas ist der siebte externe Neuzugang. Der 23-Jährige kommt ablösefrei von Borussia Dortmund II, spielte zuletzt in der Regionalliga West und unterschrieb beim VfL bis 2029. Er ist ein Offensivspieler für die Außenbahnen und bringt ein Profil mit, das dem Bochumer Spiel gut tun kann: Tempo, Geradlinigkeit und Zug nach vorne.
Der VfL hebt hervor, dass Drakas auf beiden Flügeln einsetzbar ist. Zoller spricht von „enormer Geschwindigkeit“ und einer „geradlinigen Spielweise“. Genau das braucht Bochum auf den Außen: Spieler, die Tiefe geben, ins Eins-gegen-eins gehen und Angriffe beschleunigen. Drakas ist kein großer Name, aber ein Spieler, bei dem der VfL klar auf Entwicklung setzt.
Der Fahrplan bis zum Saisonstart
Der Sommerplan ist eng getaktet. Nach dem Auftakt geht es an diesem Sonntag mit dem ersten Test gegen die Vonovia Allstars weiter. Danach folgen weitere Prüfsteine gegen Rot-Weiß Oberhausen, Royal Antwerpen und Ajax Amsterdam. Vom 18. bis 25. Juli bezieht der VfL sein Trainingslager in Bramberg am Wildkogel in Österreich. Auf dem Rückweg steht ein XXL-Test gegen Werder Bremen an, ehe am 1. August die Saisoneröffnung gegen Sheffield United im Vonovia Ruhrstadion steigt.
Bis dahin muss Rösler Antworten finden. Wer übernimmt Führung in diesem neuen Kader? Wie schnell greifen die Abläufe? Wer nutzt die Chance aus dem Nachwuchs? Und auf welchen Positionen muss der VfL noch einmal nachlegen?
Der erste Eindruck: Der neue VfL nimmt tatsächlich Form an — aber es bleibt ein Team im Werden. Der Aufbruch ist da, die Energie ist da, die Arbeit hat begonnen. Doch genauso klar ist: Dieser Sommer wird entscheidend. Aus Neuzugängen, Rückkehrern, Talenten und verbliebenen Leistungsträgern muss schnell eine Einheit entstehen.
Denn am Ende zählt in Bochum nicht, wie ein Kader auf dem Papier aussieht. Entscheidend ist, wer auf dem Platz marschiert, wer die Zweikämpfe führt, wer anne Castroper brennt. Der Start ist gemacht. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit.
Fotos: Sebastian. Sendlak